Drei Tage Allgäu. Drei Tage ganz nah am Original.
Drei Tage Allgäu. Drei Tage ganz nah am Original.
Bei der Veranstaltung auf dem Rötelbachhof kam HiFi dem Live-Erlebnis näher, als man es für möglich hält.
Es gibt Veranstaltungen, die sich einer nüchternen Beschreibung entziehen. Die „Rötelbachhof Listening Sessions“ mit Avantgarde Acoustic, Nagra und Innuos, die vom 25. bis 27. September 2026 in unserem Terminstudio in Beuren bei Isny stattfanden, gehören zweifellos in diese Kategorie. Natürlich kann man über edle Komponenten philosophieren, über technische Konzepte, Hornlautsprecher, Verstärker oder moderne Streaming-Architekturen. Man kann Datenblätter studieren und Superlative bemühen. Doch all das beschreibt nicht die Atmosphäre, die dieses Event geprägt hat.
High-End-Audio im Allgäu: Wenn Musik wichtiger wird als die Zeit
Die „Rötelbachhof Listening Sessions“ waren drei Tage, an denen – trotz außergewöhnlichen Equipments – die Musik im Mittelpunkt stand. Drei Tage, an denen zahlreiche Musikliebhaber aus dem DACH-Raum den Weg ins Allgäu fanden. Und obwohl draußen bestes Herbstwetter herrschte, wollte kaum jemand unsere Hörräume verlassen. Viele Gäste blieben deutlich länger als geplant, verloren das Zeitgefühl und tauchten gemeinsam mit den Repräsentanten von Avantgarde Acoustic, Innuos und Nagra tief in die Welt der Musik ein.
Wer die beiden High-End-Anlagen kennt, die Oliver Wittmann rund um die Avantgarde Acoustic Mezzo G3 und Trio G3 aufgebaut hat, weiß, dass sie bereits in der Vergangenheit für akustische Ausrufezeichen gesorgt haben. Doch diesmal war etwas anders. Etwas, das sich weder messen noch in technischen Begriffen ausdrücken lässt. Da war mehr Ausdruck. Mehr Selbstverständlichkeit. Mehr Präsenz. Musik wurde nicht einfach auf höchstem Niveau wiedergegeben. Sie war quasi da und erfüllte den Raum mit einer Natürlichkeit, die man nur äußerst selten erlebt. Entsprechend fielen die Reaktionen unserer Gäste aus. Mehr als einmal war zu hören, es sei beinahe „gemein“, wie authentisch beide Ketten aufspielten. Ein Kompliment, das man im High-End-Audio-Bereich wohl kaum höher bewerten könnte.
Avantgarde Acoustic und Nagra: Dem Original verpflichtet
Verantwortlich für diese außergewöhnliche Darbietung waren nicht zuletzt die beiden Referenzanlagen rund um die Avantgarde Acoustic Trio G3 mit vier SpaceHorns sowie die Mezzo G3. Die imposanten Hornlautsprecher aus dem Odenwald verbinden explosive Dynamik mit feinsten Klangfarben und einer Mühelosigkeit, die selbst erfahrene Musikliebhaber immer wieder überrascht. Stimmen und Instrumente erscheinen nahezu greifbar im Raum, während selbst feinste Nuancen mit beeindruckender Natürlichkeit nachvollziehbar bleiben. Gleichzeitig besitzen die Avantgarde-Systeme die seltene Fähigkeit, auch bei geringen Lautstärken emotional zu berühren und bei dynamischen Passagen die Energie eines Live-Konzerts spürbar werden zu lassen.
Mindestens ebenso großen Anteil am musikalischen Gesamterlebnis hatte die Elektronik von Nagra. Die Kombination aus REFERENCE DAC, REFERENCE PREAMP und HD PHONO demonstrierte eindrucksvoll, warum die Schweizer Manufaktur seit Jahrzehnten zu den renommiertesten Namen der High-End-Welt zählt. Die Wiedergabe überzeugte durch eine bemerkenswerte Ruhe, außergewöhnliche Transparenz und eine faszinierende Fähigkeit, musikalische Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen, ohne jemals analytisch oder technisch zu wirken. Genau diese Balance aus Präzision und Musikalität machte es den Besuchern leicht, stundenlang in die Aufnahmen einzutauchen und die Technik hinter dem Erlebnis schlicht zu vergessen.
Streaming, Schallplatte und Tonband: Drei Wege zur Musik
Besonders spannend entwickelte sich der Vergleich der unterschiedlichen Musikformate: Streaming, Schallplatte und Tonband wurden über viele Stunden hinweg intensiv gehört, verglichen und diskutiert.
Dabei ging es nie darum, einen Formatsieger zu küren. Vielmehr eröffnete sich für die Gäste die seltene Gelegenheit, die individuellen Qualitäten und den besonderen Charakter jedes Mediums unmittelbar zu erleben. Für echte Gänsehautmomente sorgten historische Bänder aus dem Archiv des legendären Montreux Jazz Festivals. Es handelte sich dabei um unbearbeitete Originalaufnahmen mit Künstlern wie Al Jarreau und Louis Armstrong. Aufnahmen voller kleiner Unvollkommenheiten und gerade deshalb von faszinierender Authentizität. Diese musikalischen Rohdiamanten machten deutlich, dass Perfektion nicht zwingend Voraussetzung für große Emotionen ist. Aber auch die aktuellen Vinyl-Neuauflagen der Beatles mit dem „Red Album“ (2023 Edition) sowie Dean Martins „Dream with Dean“ (Acoustic Sounds) sorgten für staunende Gesichter und intensive Diskussionen unter den Teilnehmern.
Innuos Nazaré Stack: Ein Meilenstein für High-End-Streaming
Für die vielleicht bemerkenswerteste Vorstellung sorgte der dreiteilige Nazaré Stack von Innuos an der Anlage mit der Trio G3 und den SpaceHorns. Was hier in Sachen Streaming-Wiedergabe geboten wurde, sorgte selbst bei langjährigen Analog-Enthusiasten für ungläubiges Staunen. Streaming gilt für zahlreiche Musikliebhaber als komfortable, klanglich jedoch nicht überzeugende Art des Musikhörens. Es fehlt, wenn man nicht ins Set-up investiert (audiophiler Switch, Stromversorgung etc.), an Ausdruck, Authentizität und emotionaler Beteiligung. Innuos machte an diesem Wochenende deutlich, dass modernes Digital Audio längst weit darüber hinausgewachsen ist, wenn alles passt.
Der Nazaré Stack offenbarte eine Klangbühne von beeindruckender Größe, eine faszinierende Selbstverständlichkeit in der Darstellung sowie eine Ruhe und gleichzeitig eine Lebendigkeit, die gestreamte Musik nahezu mühelos erscheinen ließen. Stimmen erhielten Substanz, Instrumente Körper und selbst feinste dynamische Nuancen blieben jederzeit nachvollziehbar. Streaming spielte auf Augenhöhe mit den besten analogen Quellen der Welt. Und in manchen Momenten schien es sogar darüber hinauszugehen. Selbst ein legendärer Brinkmann-Plattenspieler musste sich hörbar strecken – eine Feststellung, die vor wenigen Jahren wohl noch für heftige Diskussionen gesorgt hätte.
Fazit: Drei Hersteller, eine gemeinsame Vision
Nach drei intensiven Tagen im Allgäu kristallisierte sich eine Erkenntnis besonders deutlich heraus: Avantgarde Acoustic, Nagra und Innuos verfolgen letztlich alle dasselbe Ziel. Keiner dieser Hersteller versucht, Musik einen eigenen Klangcharakter aufzuzwingen oder mit spektakulären Effekten zu beeindrucken. Stattdessen eint sie der Anspruch, Aufnahmen so unverfälscht wie möglich wiederzugeben und damit dem musikalischen Original so nahe wie möglich zu kommen. Genau deshalb harmonierten die vorgestellten Systeme auf beeindruckende Weise miteinander. Die Dynamik und Direktheit der Avantgarde-Hornlautsprecher, die Präzision und Musikalität der Nagra-Komponenten sowie die außergewöhnliche Natürlichkeit des Innuos Nazaré Stack ergänzten sich zu einem Gesamterlebnis, bei dem die Technik zunehmend in den Hintergrund rückte und die Musik in den Mittelpunkt trat.
Auch der Vergleich der unterschiedlichen Formate machte deutlich, wie reizvoll die Vielfalt heutiger Musikwiedergabe sein kann. Tonband, Schallplatte und Streaming boten jeweils ihre ganz eigene Faszination und sorgten für zahlreiche emotionale Momente. Jedes dieser Formate besitzt seinen berechtigten Platz und seine individuellen Stärken. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ jedoch der Nazaré Stack. Innuos ist es gelungen, Streaming auf ein Niveau zu heben, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien. Was hier an Glaubwürdigkeit, Natürlichkeit und musikalischem Ausdruck geboten wurde, darf durchaus als Meilenstein moderner digitaler Musikwiedergabe bezeichnet werden.
Drei Tage Allgäu. Drei Tage voller Musik. Und die Erkenntnis, dass die Annäherung an das Original heute weiter fortgeschritten ist als je zuvor. Der nächstgrößere Schritt trägt vermutlich nur noch einen Namen: Live.